


Das war spannend und lehrreich! Am 10. Juni besuchten Studierende der Museologie im Rahmen des Moduls „Sammlungsentwicklung, Leihverkehrsmanagement“ das Museum Europäischer Kulturen (MEK) in Berlin. Ein Museum ist ein Hybrid?! Gibt es das? Was sammelt ein Museum, das sich an der Schnittstelle von Museen für Alltagskultur, Ethnologischen Museen, Alltagsmuseum und Europamuseen verortet? Wie definiert es „Europa“ in seinem Sammlungskonzept? Und kann man heute überhaupt „Europa“ sammeln – in Zeiten, in denen Nationalstaaten ihre Grenzen wieder vor Menschen verschließen und sich abschotten? Sind es vielleicht gerade diese Ausschlusspraktiken, die das Konzept „Europa“ heute definieren?
Bei unserem Besuch nimmt uns Dr. Jana Wittenzelner, Stellvertretende Museumsdirektorin, in Empfang und begleitet uns als Erstes in die sámische Sammlung. „Die Sámen sind die einzige indigene Bevölkerung Europas. Ihre Heimatregion Sápmi erstreckt sich über die nördlichen Teile Norwegens, Schwedens, Finnlands und die Kola-Halbinsel der Russischen Föderation. Im Zuge des ‚Nordischen Kolonialismus‘ seit dem 16. Jahrhundert wurden die Sámen marginalisiert und viele einer starken Assimilationspolitik ausgesetzt“, liest man auf der Museumswebseite. Für Studierende ist es eine wertvolle Erfahrung, einen Blick in die Depotregale eines Museums werfen zu können. Denn in den Ausstellungen sehen wir immer nur einen sehr kleinen Teil der Objekte, die ein Museum bewahrt – wir sehen immer nur die Spitze vom Eisberg. Der Großteil des Kulturerbes lagert in Depots. Deshalb sind wir heute besonders neugierig und aufmerksam. Wir erfahren, dass das MEK mit zwei Provenienzforscherinnen aus den sámischen Kulturerbegemeinschaften zusammengearbeitet hat. Sie haben Objekte neuen Kategorien zugeordnet und das Ordnungssystem des Museums dadurch herausgefordert. Auch das gehört zum Sammlungskonzept vom MEK: Objekte dienen dem Hinterfragen und dem Selbstvergewissern.
Weiter geht es in den Veranstaltungsraum, wo wir uns es auf einer freundlich-gelben Holzkonstruktion gemütlich machen. Dr. Jana Wittenzelner erzählt uns über den Entstehungsprozess des Sammlungskonzepts, über Stolpersteine auf dem Weg dorthin und über den ständigen Überarbeitungsbedarf. Wie entscheidet ein Museum, das über die größte Trachtensammlung Europas verfügt, darüber, ob es noch eine weitere Tracht in die Sammlung aufnimmt? Wie lassen sich ländliche Möbel, Weihnachtsschmuck oder traditionelle regionale Kleidung auf Themen neubefragen, die unsere Gesellschaft aktuell beschäftigen? MEK möchte seine Sammlung auf Grundlage der drei Themen weiterentwickeln: Identitätsbildung, Europa in der Welt und Korrelation von Kultur und Natur. Es geht darum, dass Dinge im Kontext ihrer Umwelt wahrgenommen werden. Wir lernen, dass die Sámi traditionelles Handwerk und Kunsthandwerk nicht als „Objekte“ bezeichnen. Aus dem Nordsamischen kommt das Wort Duodji – etwas, das durch Menschen hergestellt wurde und deshalb immer in Verbindung mit Menschen steht. Menschen verändern Dinge und Dinge verändern Menschen. Später, in der Dauerausstellung mit dem Titel „Kulturkontakte. Leben in Europa“, begeben wir uns auf die Suche: wir entdecken duodji, die über Schicksaale und Grenzerfahrungen berichten und im engen Kontakt zu Menschen und ihrer Umwelt stehen.
Zum Schluss vertiefen wir uns in die aktuelle Wechselausstellung „Schwere Stoffe. Frauen – Trachten – Lebensgeschichten“ und lernen, welche menschlichen Schicksale, Traumata, grenzüberschreitende Erfahrungen sich hinter den Trachten der donauschwäbischen Frauen und Mädchen verbergen. Dort, wo Menschen hinter den Dingen hervortreten, können wir uns sehr gut mit den Geschichten verbinden, die Ausstellung geht uns nah. Wir schlüpfen in traditionelle Röcke der Donauschwäbinnen, lernen und genießen die Ausstellung und diskutieren darüber, wir Studierende bald Museen und deren Narrative verändern werden.

